Egelherz

Die Entscheidung fiel von mir ab wie ein anderthalb Jahre herumgetragener, gehegter und gepflegter Fremdkörper. Ich betrachte, wie er am Boden liegt. Er ist ein schlagendes Herz, das zu dir dringt (es schlägt noch immer etwas). Es ist ein Haufen unförmiger Muskeln, die sich verkrampft haben, es ist zerschnittene Haut, schreiende Münder und tränende Augen, zusammengekniffen. Ich weiß nicht, ob ich mich daran festgeklammert habe oder es an mir.

Doch ist es gut, dass es weg ist. Bisweilen stolpere ich darüber , werde es wahrscheinlich noch eine Weile tun. Aber ich nehme es nicht mehr hoch, tue nicht mehr so, als könne es etwas schönes, gemeinsames werden. Nicht, weil es das nicht könnte. Sondern weil es meine Lebenskraft aussaugt wie ein Blutegel.

Nun weiß ich ja, dass Blutegel reinigend, gesund und nützlich sind – doch ist dieses spezielle Exemplar Metapher für meine Gefühle zu dir und wird sich nicht in einen Schmetterling verwandeln und rumfliegen. Ich gebe mich nicht mehr auf wie damals. Es ist gewiss nicht deine Schuld gewesen und meine, glaube ich, auch nicht.

Ich habe nur damals zu viel aufgegeben und in den Matsch getreten und als Du zurückkamst, war ich drauf und dran, genau das wieder zu tun. Welch Idiotie zu denken, ich könnte meine Gefühle herumtragen, mich daran wieder aufbauen und dann alles haben. Es war Verzweiflung, ich habe mich daran festgeklammert, nicht mehr war es. Full Stop. Eines Tages schlägt ein Egelherz nicht mehr aus eigener Kraft und ich höre auf, es mit meiner Kraft dazu zu zwingen. Und es fühlt sich richtig an.

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Kratzbaum

Werden meine Worte wieder fliegen oder bleiben sie liegen? Drehen sich nochmal um, träumen im Fieber von Küssen und Liebe? Wieder und wieder kreisen wie ein Leopard um einen Kratzbaum im Käfig, Pfote vor Pfote so weich und schläfrig die Worte. Der Kern ihrer Possen ist das Ausbleiben der Frage, ob die Pforte verschlossen ist. Leichtigkeit nicht zu kennen ist anders, als sie verlernt zu haben, doch wird sie ausgetrieben schon in Kindertagen, aufgerieben wie der Mantel des Kratzbaums. Wir nennen sie Plagen, ohne uns zu fragen, warum wir die Schwere tragen. Die erste Welt liebt das Klagen, diese arrogante Entfremdung, ohne Punkt! Sie zeigt sich in modernem Prunk, wir halten die Wange gegen den Humor aus dem Rundfunk und die andere dem Arbeitgeber, die Schläge halten uns bei Stange. Aber jeder kann allzeit reden und unentwegt unbewegt das Gesicht verziehen, reden ohne Fragen zu formulieren. Auf allen Wegen sind Schnapsleichen zu ignorieren, eine Fingerübung draufzeigend zu lachen und auf der Strickleiter aufsteigend auf ihr Elend aufmerksam zu machen; kletter noch ein Stück weiter und ein Blick hoch zeigt dir, dass am Ende nichts bleibt außer Strick, leider. Verzeih, dass dass es zum Fliegen nicht reicht, die Käfigtüre aufzuschließen, denn der Leopard kennt nurmehr seinen Kratzbaum und hebt vor Schwere die Tatze kaum und woher soll er die Flügel nehmen?

Well

Wie einem Hund die Leine lege ich meine Uhr an und der Hund zieht leine und ich verzweifelt am Zeiger, dann weiter am Joint und voran, der Stift auf Papier entgleitet mir, wie auf Glatteis und die Zunge gebissen im Zuge zu wissen, was am Ende der Zeilen bleibt; den Schreibfehlern angereiht: ein Punkt. Er sagt doch nichts!, flüstert blass das Ausrufezeichen und nass am Ufer laichen die Fragen, die Frösche werden weichen den Kröten, die am Grunde der Brunnen taiwanesicher Fabriken goldene Spielbälle an Sprengsätze löten.

Selbstportrait

Selbstportrait

Blaue Augenschatten in einem grauen Gesicht, rote Lippen, auf einen Kuss erpicht, ein Auge leuchtet grün, eins ist ohne Licht. Ein violetter Schimmer ums Kinn, Haare durchsetzt mit Strähnen aus Zinn, der Hintergrund bleibt blank, als sei er vergessen und ohne Sinn. Es ist alles ein bisschen verwaschen, schwer zu fassen, bunt und irgendwie monoton. Doch wer traut den Farben schon? Ihm graut, er wartet, mit dem falschen Pferd gestartet. Mit einem sterbenden Witz, verschwitzt angekommen, der Vater im Sohne. Im Schneidersitz ist ein Geistesblitz eingeschlagen, eintausend Sonnen retuschiert im Verzagen, eintausend Fragen untergegangen in Tränen, eingeschlossen hinter verbissenen Zähnen ist nur eine geblieben: Ist dies die einzige Art für mich, zu lieben?

Fr54

In tausend Spiegeln nasser Pflastersteine, im Nebel durch Lichtkegel aus weißem Lampenschein, laufen zwei die sich an Händen fassen und er fragt sich allein: Wie soll so etwas Schönes wahr sein?
Nach allso langer Zeit wiedervereint, wieder bereit für eine Geste der Gemeinsamkeit und einen leisen Fingerzeig: Der weit’re Weg soll schön sein.

Geschichten

Was sind wir außer Geschichten?

Geschichten in Kneipen, große und kleine, offene und geheime. In Zeitschriften, auf Chatlisten. Von Liebe, von Pflichten, von Streichen und Scherzen, Gemeinheit und Schmerz, Geschichten. Die besten liegen auf Speichern in Schuhkartons und verblichenen Obstkisten. Vergessen oder verdrängt? Geschichten vom Zauber der Welt, großer Abenteuer, von Kindern erzählt am Lagerfeuer. Die Fußspuren auf allen jemals beschrittenen Wegen, doch verrotten sie zwischen Belegen großer Käufe und der Einkommenssteuer. In allen gibt es Ungeheuer. Eine Liebesgeschichte kann man auch auf der Rückseite einer Packung Vanilleeis lesen, manchmal eingeritzt in den Tresen oder die Haut eines empfindenden Wesens. In dieser hier sitzt ein Junge auf dem Dachboden unter Funzellichtern und fragt sich: Was sind wir – außer Geschichten? Er hört die Maden im Gebälk fressen.

Zu viel Gebet

Aus Turbulenzen wilder Gefilde wieder in friedlichere Bilder. War die Gewalt so leise, ist die Stille laut in einer Weise, wie verstummte Schreie rundherum im Kreise. Da war die Überzeugung am Alltag zerbrochen, die Mauer aus Eis geschmolzen und in Worten, stolzen, zu Tränen zerflossen. Ja die Worte, sie schossen, zu zerreißen in zynischen Possen, der Glauben an die Menschen. Der war verschüttet in Ruinen aus ethischen Gesetzen, die mit Rubinen außen lieblich besetzten Körper doch zu schwer zum Stehen und im Innern werkelt nurmehr mechanisches Leben.

In Wahrheit haben wir nie das Feuer gezähmt, wir haben uns selbst zu zähmen gelernt. Um zu leben in einer hellen, warmen Welt. Ihr merkt, wo der Traum zerfällt. Ich fühl’ mich wie der letzte wilde Hund, der in einen leeren Raum bellt, aus dem doch nur Stille kommt und wo der zahme Mensch den Trieb zu beherrschen glaubt unter dem Überbau amerikanischen Traums, der gefallenes Laub aufklaubt um einen künstlichen Baum wiederaufzubauen. An der Außenhaut sind wir an den Farben ergraut. Es scheint nicht einerlei zu sein, was im Innern uns treibt, Nein.

Vater unser wo auch immer, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wir verbreiten ihn mit Gewalt auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, so arbeiten wir geduld und eingelullt. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen im Fremden und im Verstehen. Denn dein ist der Reichtum und die Macht und die Klarheit in Worten, die uns befreit vom Müßiggang des Denkens und der Verantwortung. Amen