Ei

Meine Gefühle sind ein Ei,

rund, weiß, allerlei Sprenkelei im Kleid

und klein, aber halt irgendwie da.

Ich mal’s bunt an, zwei Farben JA!

Blöd bloß, dass es in der Sonne lag

und jetzt was drauf schlüpfen mag.

Das Vöglein klein, voller Schleim, hässlich obendrein,

doch allerzeit drängt Mutterliebe zur Hässlichkeit

– Nein, ich bin nicht bereit.

Ich würde gern ein Senfkorngleichnis schreiben

und viele produktiefe Ideen befreien,

wie Samen hab ich sie zuhauf,

aber das Küken pickt die Körner auf.

Ich hätte gern ein Spiegelei

statt Scheiße auf Parkett und Vogelgeschrei.

Doch zu spät, das Wunder des Lebens…

Jetzt muss ich’s mir wohl geben:

Bald trägt es ein Federkleid,

gelb und flauschig und wundersoweich.

Das Fiepen wicht bald stimmvollem Singen,

chicken wings werden Federschwingen!

Oh wie schön, das zu erleben.

Zu sehen, wie die kleinen flügge werden

und sich bald in den Himmel heben.

Majestätisch wie nichts auf Erden.

Womit hab ich das verdient zu sehen,

wies elegant in den Sonnenuntergang fliegt?

und explodiert.

Sonntag gibt’s Braten, wie es sich geziemt.

Elegant serviert.

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Verratene Wörter

Ein großer Bereich der Pädagogik heißt Didaktik – die Kunst der Vermittlung. Das große Problem der Erziehungswissenschaft liegt darin, dass ihr Gegenstand nicht vermittelt werden kann – dieser “Gegenstand” ist Mündigkeit.

Man kann diese Mündigkeit nicht einfach definieren, sich bloß – begrifflich – annähern, Zwecke beschreiben und eine utopische Vorstellung davon zeichnen, was eine Gesellschaft mündiger Individuen erreichen könnte. Die Mündigkeit ist eine Grundlage unserer Gesellschaft, wir erreichen sie formal mit dem 18. Lebensjahr (welch lächerlicher Einfall!). Sie ist die Grundlage des freien und gerechten Zusammenlebens und zur Sicherung dieser Grundlage gibt es die Schule. Und hier sind wir schon in der Utopie. Andreas Gruschka beschreibt in seinem Buch “Verstehen lehren – ein Plädoyer für guten Unterricht”, wie die Bildungsstandarts eines dreigliedrigen Schulsystems eine Klassengesellschaft aufrechterhalten. Freiheit und Gerechtigkeit werden nurmehr leere Formeln, verratene Worte. Man findet sie überall, mein beliebtes Beispiel ist Zigarettenwerbung: “Liberté toujours”, der slogan einer französischen Marke. Sucht und Freiheit, ein dialektisches Verhältnis, möchte ich zynisch anmerken.

Wie dem auch sei, das Vermittlungsproblem ist vielleicht das elementarste Problem des menschlichen Zusammenlebens. Das heißt das grundlegendste. Auf einer Seite stehen wir als Individuen mit einem eigenen, einzigartigen Gefühlshorizont. Auf der anderen Seite das Allgemeine, die Gesellschaft, mit ihren Regeln und Beschränkungen – und ihren versteckten Einflüssen. Diese Einflüsse sind die vorherrschende Technik der Machtausübung unserer Zeit, disziplinierende Macht, nennt sie Michel Foucault. Max Horkheimer und Theodor Adorno beschreiben in der “Dialektik der Aufklärung” den Stil der Kulturindustrie, der die Entfremdung des Menschen nutzt, um ihre privaten Konflikte in mediale (in Film, Musik, Werbung) zu projezieren. Durch die Lösung der damit allgemeinen (vermittelten) Konflikte im Film wird das entfremdete Individuum bei Stange gehalten, da es die Lösung in sich selbst analog vollzieht. Eine Therapie an der Oberfläche bloß, die grundlegende Probleme nicht löst. Nebenher und hindurch wirken die versteckten Einflüsse, die Art, auf die Figuren sprechen, das Geschlechterbild, das sie vermitteln usw. Durch die beständige Wiederholung (vor allem in der Werbung) wirken die Medien auf die individuelle Erfahrung, erzeugen Anpassung. Irgendwann ist es ein Gefühl der Befreiung, eine Zigarette zu rauchen.

Das Problem dreht sich um Vermittlung. Kommen wir kurz zur Schule zurück, das pädagogische Feld, auf das Didaktik klassisch sich richtet. Eine Klasse ist wie eine Gesellschaft, eine pädagogische Einheit, vereint durch das Ziel, zu lernen und mündig zu werden. Gruschkas Buch zeigt, wie die Schulreformen, Bildungsstandarts, Vergleichsstudien in einer Didaktik resultieren, die bereits Entfremdung leistet. Die Kinder lernen nicht für sich selbst, um zu verstehen, sie lernen immer mehr für Tests. Das Produkt ist eine Note, ein Zeugnis, es dient der beruflichen Qualifikation, dem Individuum in seiner inneren Welt bringen sie nichts. Außerdem dienen Noten dem Vergleich, dem Wettbewerb und entfremden die Schüler so von ihren Mitschülern. Die Zeiten nach PISA sind die Zeiten der Vergleichstests. Die Unterrichtsinhalte werden entsorgt, schreibt Gruschka. Sie dienen bloß noch der Methodik, dem Kompetenz- und Performanztraining. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der noch Platz für eine Dystopie im Regal hat.

Für mich ist Gesellschaft inzwischen das Verhältnis der Individuen. Das Individuum findet sich im Verhalten dazu seine Identität, vielleicht sein selbst. Dort spielen viele Kriterien wie Geschlecht, Gesundheit, Sexualität, Ethnie u.v.a. hinein. In der Vermittlung treibt das alles seine Blüten, Vermittlung ist alles, was zwischen Individuen passiert und dieses Verhältnis verändert, reproduziert. Dass Freiheit heute Reichtum bedeutet und Verwertung bald dasselbe wie Befreiung kann man nicht fühlen wollen, doch definiert sich so unsere Gesellschaft. Die Gesellschaft ist ein komplexes Gebilde, in das wir eingeführt werden durch Allgemeinbildung, eine Didaktik steht dahinter. Und so wird der Trend zur Oberflächlichkeit allgegenwärtig. Er disziplinert sich so durch. Ist einer der Megatrends auf dem Arbeitsmarkt die Wendung zur auf Wissen und Recherche basierten Arbeit (bspw. in der Optimierung globaler Produktionsketten), so lernt der Schüler Wissen und Recherche. Die Oberflächlichkeit zeigt sich vielleicht im Aufkommen neuer Beziehungsformen, die sexuelle Befriedigung als Ankerpunkt haben und andere Interaktion kategoriell abstufen müssen – wie auch Schule kategoriell abgestuft ist? Das Wort ist vermutlich nicht mal die wichtigste Form der Vermittlung.

Individualität und Gleichheit stehen in einem Konflikt, der vielleicht darin gipfelt, dass über 80 unterschiedliche Geschlechter und Sexualitäten darum kämpfen, mit derselben (Nicht-)Anerkennung ausgebeutet zu werden wie der europäische, heterosexuelle, weiße Mann.

Ich gebe keine Antworten. Vielleicht kann man sagen, es gibt eine Welt in jedem Individuum von uns und es gibt eine Welt, die außen ist. Was liegt dazwischen? Ganz sicher ist da viel Projektion. Wenn dies ein Fazit ist, zieht es selbst.

Literaturfragmente:

Foucault, Michel und Thomas Lemke: Analytik der Macht, hg. von Daniel Defert, François Ewald und Jacques Lagrange, übers. von Reiner Ansén u. a., Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1759, 7. Auflage, Originalausgabe Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp 2017.
Gruschka, Andreas: Verstehen lehren: ein Plädoyer für guten Unterricht, Reclams Universal-Bibliothek 18840, Stuttgart: Reclam 2011.
Horkheimer, Max und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung: philosophische Fragmente, Fischer-Taschenbücher Fischer Wissenschaft 7404, 23. Auflage, ungekürzte Ausgabe Aufl., Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2017.

Das Ende des Films 1

Das pulsierende Organ
schlägt im Vier-Viertel-Takt
den Marsch, der sich fortan
durch die Gehirne hackt.

Wie Hämmer auf Ambossen,
wie Schritte der Passanten und der
Flügelschlag von Albatrossen
über einem Meer der Wunder.

Eine Pfütze nurmehr und leer,
wir greifen nach Sternen,
kommen dem Horizont näher,
verwehren uns mehr und mehr das Lernen.

Mehr oder mehr ist das Kinde nicht,
als ein Gefäß, das unter Last,
(mit der sind wir verschwenderisch)
das unter Druck mehr fasst.

Mit Druck zu Diamanten geschliffen
und in die Fassung eingepasst.
Mir scheint mein Goldkäfig am Rand gerissen,
wehmütig geliebt und gleichwohl verhasst,

Das Herz im Takt des Schlagers
treibt uns durch ein Labyrinth,
jeder Abzweig lockt mit einem Wagnis,
wo Glück und Freiheit doch darüber sind.

Wie eine Wippe müsst' man sein,
die Last zum Aufschwung nutzen,
was heut allgemein, morgen fern und klein,
könnt' uns kaum mehr die Flügel stutzen.

Merke auf! Du musst nicht alleine fliegen
und fällst auch nicht auf Stein,
allein in dir kann Erkenntnis liegen,
dann wird ein Trampolin aus dem Allgemein.

Wie zum Bewusstsein der Zeit,
muss Mensch sich gegen sein selbst erheben,
individuell. Ich bin es leid,
Unterwerfung als Akzeptanz zu erleben.

Toleranz und Vielfalt scheinen Maschinen,
Rundfunkpropagandistischkafkaesk
in totalitären Begriffsregimen
ihre Erfahrung gut, die Bedeutung grotesk.

Mit allen Herzen im Einklang,
der Basston der Entfremdung,
die Obertöne Ideologiefanfaren,
hat der Grundstein der Bastion Verleumdung erfahren.

Strömung

Wir sitzen in meinem Raum, über Stunden und sagen kein Wort. Es ist Schweigen, aber nicht in der Bedeutung eines stählernen Blocks, der uns kalt und scharfkantig niederdrückte. Es ist nicht der Luftballon des “Alles was gesagt werden kann”, aus dem langsam die Leichtigkeit ausströmt, bis er schrumpelig im Matsch des Schweigens landet und immer tiefer, tiefer hineingetreten wird von den hastigen Schritten des Alltags.

Nein.

Das letzte Wort verklang und wir sind in einem Raum, zeitlos. Continue reading

14

Es hat sich geregt und gestreckt,
zeigt sich erst nicht - versteckt,
dann windet und sucht sich
einen Ausweg, wird groß und mutig.

Es bricht auf vom sprachlosen Orte,
und wird etwas beim Gehen - wird Worte.
Trifft auf solche, die ihm gleich erscheinen,
doch muss sie gleich "anders" vermeinen.

Und es fällt schwer, doch merkt es mehr
als der Aufbruch zählt die Rückkehr;
in die bunten Hallen, die Sprachlosigkeit,
denn dort liegt Angst, Glauben und Freiheit.

einige Bemerkungen zum Samstag

Das Cafe in der Mitte spielt eine unaufdringlich schöne Melodie in einigem Abstand. Der Asphalt ist kalt unter meinen Füßen. Am Parkeingang beim Druckraum lungern heruntergekommene Gestalten herum, während die letzten Sonnenstrahlen verzweifelt versuchen, den ausgetrockneten Grasflächen etwas goldenen Schimmer einzuhauchen. Sie täuschen niemanden darüber hinweg, dass der Park eine Steppe ist. Wie zerbrochene Herzen die trockenen Blätter, die der beginnende Herbst fordert. Der Herrengarten ist das trockene Herz Darmstadts, durchzogen mit asphaltenen Adern. Eicheln ergießen sich aus den Geästen der Bäume, die sich am Leben erhalten haben. Ein Stück weiter wird die süße Melodie des Parkes von Fangesängen einiger Fußballpatrioten abgelöst. Etwas weiter sitzen ein paar Jugendliche, Rockmusik und der süße Geruch von Marihuana umspielt meinen Weg. Das Herz Darmstadts schlägt noch immer, auch wenn es vertrocknet. Ich wünsche, dass es niemals aufhört.

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